Dr. Heinz Klippert nimmt Stellung zu den Ergebnissen aus der Megaanalyse des Bildungsforschers John Hattie zum Thema Einflussfaktoren zum Lernerfolg
Umsetzung der Ergebnisse aus der Hattie‐Studie in der PraxisWo „Klippert“ draufsteht, steckt eine Menge „Hattie“ drin
Wer leidenschaftlich lehrt, erzielt den besten Lernerfolg. So könnten die Erkenntnisse der Hattie‐Studie auf den Punkt gebracht werden. Ein solch leidenschaftlicher Pädagoge ist Dr.Heinz Klippert, der seit Jahr und Tag für verstärktes Fördern und Fordern im Unterricht eintritt ‐für breite Schüleraktivierung und eigenverantwortliches Lernen, für Teamentwicklung unddifferenzierte Lernspiralen. Wir haben bei Dr. Klippert nachgefragt, inwieweit sich seine Methodikmit den von Hattie aufgedeckten Erfolgsfaktoren verträgt.Herr Dr. Klippert, Prof. John Hattie fordert unter anderem, dass Lehrer eher in den Hintergrundtreten sollten. In diesem Zusammenhang nennt Hattie den Lehrer auch „activator“. Wie schaffenSie das mit Ihrer Methodik?
Dr. Klippert: Ich stimme mit John Hattie darin überein, dass gute Lehrer ihre Schüler ausgeprägtaktivieren sollten. Sonst bleibt das Lernen dürftig. Die von mir entwickelten Lernspiralen stehen fürdiese Aktivierung. Zwar erhalten die Schüler zu Beginn einer Stunde einen klaren inhaltlichen undprozeduralen Input durch den Lehrer, danach erarbeiten sie sich den Lernstoff aber über weiteStrecken selbst. Nachhaltiger Wissens‐ und Kompetenzerwerb lässt sich nun einmal nicht durchZuhören und Abschreiben von der Tafel erlangen.
Eine weitere Voraussetzung für den Lernerfolg ist offensichtlich die „teacher clarity“ also dieinhaltliche Klarheit des Unterrichts.
Klippert: Dies gelingt, indem die Lehrkraft zu Beginn der Stunde eine Vorschau auf die vorgeseheneLernspirale gibt. Damit schenkt sie den Schülern quasi ‚reinen Wein‘ ein und die Klasse weiß, auf wassie sich einstellen muss. Durch die wiederkehrende und damit berechenbare Struktur derUnterrichtsabläufe, gewinnen die Schüler zusätzlich Sicherheit und Selbstvertrauen, Zielstrebigkeitund Disziplin. Guter Unterricht braucht feste Regeln und Rituale. Das wissen wir seit langem.
Hattie betont die Bedeutung des „Feedbacks“. Wie steht es damit bei Ihnen?
Klippert: Reflexion, Selbstkritik und Rückmeldungen sind feste Bestandteile der Lernspiralen.Feedback gibt es sowohl am Ende bestimmter Gruppenarbeitsphasen als auch nach den gängigenPräsentationen im Plenum. Die Kinder erhalten Rückmeldungen und Tipps und erkennen so, was gutwar und was noch verbessert werden muss. Das stützt und stärkt das Lernen.
Was meint Hattie mit seinem Plädoyer für eine positive Fehlerkultur?
Klippert: Deutschlands Lehrer neigen viel zu sehr dazu, Fehler der Schüler zu vermeiden. Das istparadox. Denn: Sollen die Schüler wirklich mutig werden und effektiv lernen, dann müssen Fehlerund Unzulänglichkeiten grundsätzlich erlaubt sein. Das stimuliert und fordert zum Nachdenken undzur sukzessiven Fehlerkorrektur heraus. Die Hauptsache die Schüler trauen sich. Das gilt z.B. auch fürPräsentationen. Es ist immer wieder schön zu sehen, wie die Schüler es genießen, wenn sie für ihrenMut durch den Applaus der Klasse belohnt werden. Dieses unterstützende Sozialklima ist sehrwichtig. Das betont auch Hattie.
Wo bleibt der Applaus für die Lehrkraft?
Klippert: Für einen Lehrer gibt es nichts Schöneres, als Schüler erfolgreich arbeiten und interagierenzu sehen. Das gelingt dank der Lernspiralen. Die Schüler werden vielfältig aktiv. Sie kommunizierenund kooperieren, lösen Probleme, bauen Wissen auf, präsentieren und reflektieren. Das alles istBelohnung und Applaus für die Lehrerseite.
Hattie mahnt wohl dosiertes Fordern und Fördern im Unterricht an. Leisten das die Lernspiralen?
Die Lernspiralen stellen differenzierte Anforderungen und eröffnen den Schülern unterschiedlicheAnschlussmöglichkeiten. Differenziert wird also weniger durch aufwändig vorbereitete Material‐ undAufgabenpakete der Lehrkräfte, sondern dadurch, dass der lernspiraltypische Arbeits‐ undInteraktionsprozess viel Abwechslung bringt.
Wie funktioniert das in der Praxis?
Die Kinder bedienen sich im Unterrichtsverlauf unterschiedlicher Tätigkeiten, Methoden,Lernpartner, Lernprodukte, Hilfsmittel und Lernaufgaben und finden so immer wieder neue Zugängezum Lernstoff. Keiner bleibt alleine. Und keiner kann sich aus der Verantwortung für sich und anderestehlen. Das ist Ermutigung und Talentförderung im besten Sinne des Wortes.
Hattie sagt aber auch, die Lehrkräfte sollten leidenschaftlich lehren. Wie verträgt sich das mit ihrerdefensiven Lehrerrolle?
Mit Leidenschaft zu unterrichten heißt doch nicht, dass ein Lehrer seine Schüler mit seinem Wissenüberrollt. Im Gegenteil. Lehrer müssen ihre Schüler mit Leidenschaft und Zuversicht zum Denken,Arbeiten und Interagieren bringen, wie das die Lernspiralen vorsehen. Das aber können sie nur, wennsie sich relativ stark zurücknehmen. Hatte spricht daher völlig zu Recht davon, dass die Lehrer vorallem als Lenker und Regisseure des Schülerlernens gefragt seien und weniger als Darbietervorgefertigten Wissens.
Danke für das Gespräch.(Das Gespräch führte Andrea Stickel)
Quelle: Presseinformation der AAP Lehrerfachverlage GmbH, Klippert Medien (www.klippert-medien.de)